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21.06.2021

Ein Tag am Strand

Im Juli 2020 hatte das Ingenieurbüro Schrijvers angefragt, ob LMR Interesse an einem Ausschreibungsverfahren für ein Projekt in den Niederlanden hätte. Es handelte sich um einen relativ kleinen Auftrag für eine Bohrung von nur etwa 800 m für ein Glasfaserkabel (FOC), das von einem Parkplatz in IJmuiden (NL) ausgehend die Dünen, den Strand und den Brandungsbereich unterqueren sollte. Der Einbau war für Februar 2021 vorgesehen. Eine Herausforderung bestand in dem Fokus auf die Emissionen, insbesondere die Stickoxide NOx. Aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens, der Schwerindustrie und der hohen Anzahl an Nutztieren stehen die Emissionen aus Bauaktivitäten in den dicht besiedelten Niederlanden ganz besonders auf dem Prüfstand. 2019 entschied der Oberste Gerichtshof, dass bei neuen Bauvorhaben die Minimierung von Stickoxiden höchste Priorität haben solle. Durch spezielle Berechnungen sollen die Auswirkungen der Bauarbeiten bestimmt und überprüft werden, ob die Werte unterhalb der festgelegten Grenzen liegen.

Der Einsatz unserer elektrischen 100-Tonnen-Bohranlage ermöglichte bereits eine deutliche Reduzierung der Emissionen. Weitere Einsparungen wurden durch den Einsatz modernster Bohrausrüstung erreicht, wobei konsequent LKWs der neuesten Generation mit abgasreduzierten Motoren für den Transport des Bohrausrüstung genutzt wurden, gleiches galt für emissionsarme Generatoren und einen Bagger mit ähnlicher Technologie.

Im September 2020 reichten wir ein Angebot mit drei Ausführungsvarianten ein, hier mit unterschied¬lichen Auswirkungen auf die Ausführungszeit, das Baumaterial, das Wetterrisiko und Bentonit¬austritten ins Meer. Nach einigen Absprachen mit dem Kunden erfuhren wir Anfang Oktober, dass LMR den Auftrag erhalten sollte und die Entscheidung auf unsere Lösung, das Pilotloch zu bohren und das Schutzrohr an Ort und Stelle als Leitung für die Installation des FOC zu belassen, gefallen war.

Da die Ausführung der Arbeiten bereits für Februar 2021 vorgesehen war, wurde um Unterstützung von unserer Seite gebeten, um sicherzustellen, dass die Genehmigungen rechtzeitig vorliegen würden.
Obwohl der Vertrag noch nicht unterzeichnet war, begann LMR aufgrund des vertrauensvollen Miteinanders mit den Detailplanungen. Da der in Großbritannien ansässige Kunde von dem irischen Ingenieurbüro MDM vertreten wurde, war die Unterstützung unserer niederländischen Mitarbeiter bei den Vorbereitungen sehr willkommen. Wir halfen bei der Einholung der Genehmigungen und bei der Information der örtlichen Behörden und anderer Beteiligter, um sicherzustellen, dass unsere Bauarbeiten den normalen Betrieb so wenig wie möglich stören und beeinträchtigen würden, denn die Einrichtung der Baustelle erfolgte auf dem Hauptparkplatz für die Besucher des Strandes in IJmuiden, und unsere Ausrüstung würde eine beträchtliche Anzahl von Parkplätzen einnehmen. Auch gab es bereits frühzeitig Absprachen mit dem Unternehmer für die Verlegung des Offshore-Kabels, um die Schnittstellen zu klären, wie z. B. die Rückholung des Offshore-Endes des später einzubauenden Datenkabels und weitere Details der damit verbundenen Arbeiten. Während der Detailplanung wurde noch der Umfang der Arbeiten angepasst, wobei die Hauptaufgabe in dem Einbringen eines 40 m langen HD-PE-Rohres DN 125 als seeseitige Verlängerung des Kabelschutzrohrsystems im Offshore-Bereich bestand.

Mit der Vertragsunterzeichnung im Dezember 2020 waren wir somit bereit für die Ausführung der für Februar 2021 geplanten Arbeiten. Da jedoch die archäologischen und UXO-Untersuchungen nicht rechtzeitig fertig waren, wurden die Arbeiten verschoben. Es wurde ein neuer Zeitrahmen für den Beginn der Arbeiten im April vereinbart, wobei die Mannschaft direkt nach dem Osterwochenende zur Baustelle reiste. Aufgrund der Covid-19-Bestimmungen wurde die deutsche Besatzung vor der Abreise zur Baustelle getestet und musste sich einer 5-tägigen Quarantäne unterziehen. Die Mitarbeiter der lokalen Unternehmen sowie der Bauleiter des Kunden wurden ebenfalls getestet und reisten nach negativem Ergebnis zum Beginn der Arbeiten zur Baustelle. Alle Beteiligten wohnten im selben Hotel, sodass eine „Blase“ entstand, wodurch das Risiko einer Infektion minimiert wurde. Des Weiteren testete sich die gesamte Mannschaft jeden Morgen, bevor sie auf die Baustelle ging.
Während die Mannschaft sich in Quarantäne befand, wurde die Baustelle eingezäunt, und die Baustellenbüros wurden noch vor dem Wochenende eingerichtet. Die Transporte kamen am Montag auf der Baustelle an, sodass die Ausrüstung am Dienstagnachmittag aufgebaut und bereit zum Bohren war.

Die Pilotbohrung begann mit einem guten Spülungsrückfluss zum Eintrittspunkt hin. Wie in diesem Bereich zu erwarten, war mit der geplanten Düsenanordnung sehr einfach zu steuern und das Profil wurde schön verfolgt. Leider stellte sich im weiteren Verlauf der Bohrarbeiten der zu bohrende Sand entgegen der Beschreibung nicht als grob-, sondern eher feinkörnig dar. Dies führte zu einigen Verzögerungen im Bohrprogramm, da das feine Material beim Abtrennen mehr Aufwand verursachte und eine Neukonfiguration der Siebeinheiten erforderte. Nichtsdestotrotz verlief danach der Austritt am Meeresboden planmäßig und wurde durch den Subunternehmer auf der Seeseite bestätigt, sodass die Schlepper und das Arbeitsboot, die bereits in Rufbereitschaft waren, wie geplant für die Mobilisierung aktiviert werden konnten.

Unglücklicherweise ging der Spülungsrückfluss ab der 67ten Bohrstange zurück und konnte auch durch das Zurückziehen des Bohr¬gestänges nicht wieder erhöht werden. In Absprache mit dem Kunden wurde beschlossen, die Bohrung unter regelmäßiger Beobachtung des Strandbereichs fortzusetzen. Während der Fortführung der Bohrung wurden die Bohr- und Spülungsparameter genau beobachtet, es wurde jedoch weder ein Anstieg des Drehmoments noch der Schub-/Zugkräfte festgestellt. Die wahrscheinlichste Erklärung für die Spülungsverluste war, dass eine Muschelbank oder anderes grobes bzw. permeables Material angebohrt wurde und dass dadurch der Verlust der Spülung verursacht wurde.

Kurz vor Ende der Pilotbohrung wurde der Bohrvorgang unterbrochen, um einen frühzeitigen Austritt der Bohrgarnitur und eine Verschlechterung der Spülung durch Salzwasserkontakt zu vermeiden. Am nächsten Morgen um 5 Uhr verließ das Arbeitsboot den Hafen von Beverwijk, um rechtzeitig vor der Flut an der Austrittsstelle anzukommen; die vorhergesagten 2 m über NAP waren gerade ausreichend an Wassertiefe für das Arbeitsboot mit dem großen Kran. Einmal in Position, wurden die Ankerpfähle abgesenkt und der Bootsrumpf angehoben, um so ein Aufschlagen auf den Meeresboden zu vermeiden. Während dieses Vorgangs erfolgte der Austritt der Bohrkrone aus dem Meeresboden. Um den tatsächlichen Austrittspunkt kenntlich zu machen, wurde Luft gepumpt. Die Austrittsstelle befand sich tatsächlich, wie erwartet, neben dem Arbeitsboot.

Anschließend wurde der Bohrkopf an Bord des Arbeitsboots gehoben und dort dann in einem sicheren, vorher einstudierten Prozess, die Bohrgarnitur (Bottom Hole Assembly = BHA) abge-koppelt. Ein 5 mm starkes Stahlseil wurde am Drahtseil befestigt, das bis an Land zurückgezogen wurde. Am Bohrgestänge wurde ein Übergang montiert und die 40 m PE-Rohr daran mit einem Flansch verbunden. An der Endkappe wurden Anker mit Bojen zur einfachen Bergung angebracht, und der gesamte Strang und das PE-Rohr wurden zurück in das Bohrloch gezogen, bis nur noch ca. 5 m des PE-Rohrs, gesichert und kontrolliert durch die Anker, auf dem Meeresboden herausragten.

Sobald die Flut es erlaubte, wurden die Ankerpfähle eingezogen, und der Schlepper zog das Arbeitsboot zurück in den Hafen. In den folgenden Tagen wurde die Ausrüstung auf dem Bohrplatz und dem Arbeitsboot abgebaut und ein Schacht landseitig hergestellt.

Im Anschluss an die Demobilisierung der Bohrausrüstung wurden die Zäune abgebaut, der Bereich von Schutt gereinigt und letztendlich der Parkplatz wieder an die Stadt übergeben. Das Projekt, für das sich die Formalitäten fast sechs Monate hingezogen hatten, war nach nur zwei Wochen vor Ort abgeschlossen, wobei die reine Bohrzeit weniger als 4 Tage betragen hatte.

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